Kampong Ayer – Ein Ausflug in Bruneis Wasserdorf

Die Sonne brennt heiß. Bei Temperaturen wie im Backofen stehen wir am Ufer des Brunei Rivers. Vor zwei Tagen sind wir hier aus unserem Bus von Miri kommend ausgestiegen. Heute wollen wir das Wasserdorf auf der anderen Seite der Stadt Bandar Seri Begawan besuchen. Als wir in Bruneis Hauptstadt ankamen, wussten wir, dass ein Besuch des Wasserdorfes mit zu den Highlights der Stadt gehören soll. So hatten wir einen Ausflug dorthin fest im Programm. Die Bootsmänner, die mit ihren Wassertaxis auf dem Brunei River verkehren, haben uns schon am Tag zuvor angesprochen, als wir gerade an der Waterfront entlangschlenderten. Die Überfahrt ins Wasserdorf kostet nur einen Brunei Dollar pro Person. Und natürlich wollen wir uns das Wasserdorf nicht entgehen lassen. So stehen wir heute wieder am Wasser und halten Ausschau nach den kleinen Booten, die Passagiere ans andere Ufer bringen. Bei ihnen kann man übrigens auch Fahrten in die Mangroven zu den Nasenaffen buchen.

 

Die Fahrt zum Wasserdorf ist kurz und schnell

Lange warten müssen wir nicht, denn es ist ein ständiges Kommen und Gehen der kleinen Boote. Schon vom Wasser aus werden wir angesprochen. Was in anderen Ländern die ständig nervenden Tuk-Tuk-Fahrer sind, die alle zwei Meter neben Touristen anhalten und sie mitnehmen wollen, sind hier die Taxi-Boote. Schnell sitzen wir im Boot und die Fahrt ins Kampong Ayer – so heißt das Wasserdorf nämlich – geht los.

Wir haben bereits einige Wasserdörfer auf unserer Reise besichtigt und eine ungefähre Vorstellung davon, was uns erwarten wird. Wie es letztendlich wirklich aussieht, davon sind wir etwas überrascht. Die kurze Bootsfahrt macht sehr viel Spaß. Innerhalb weniger Minuten, in denen wir mit Tempo über das Wasser fahren, sind wir da. Wir steigen aus unserem langsam schaukelnden Gefährt, drücken dem Bootsmann seinen Dollar in die Hand und stehen an einem steinernen Pier. Um uns herum ist es menschenleer. Der Bootsfahrer wendet und lässt uns alleine zurück. Also gut, dann gehen wir mal los. Wie ausgestorben kommt es uns hier vor. Das braune Wasser des Flusses plätschert leise gegen die Holzpfähle, die den Steg über dem Wasser halten.

 

Die Siedlung war früher De-facto-Hauptstadt

Das Wasserdorf, oder Water Village, wie es im Englischen genannt wird, ist eine typische Art des Wohnens in vielen Gegenden Borneos. Die Häuser stehen auf Pfählen im Wasser, hier lebt oft die ärmere Bevölkerung. Das Kampong Ayer ist eine historische Siedlung und war damals eine der bedeutendsten Siedlungen und De-facto-Hauptstadt. Heute haben viele Bruneier hier ihren Zweitwohnsitz und es ist schick, im Wasserdorf zu wohnen. Es gibt Moscheen, eine Feuerwehr, Schulen und kleine Läden. Eben alles, was man für den täglichen Bedarf braucht. Allerdings sieht das Wohnen hier anders aus als gedacht.

 

Es liegt ein strenger Geruch in der Luft

Wir gehen den Anlegepier entlang und schon dort schlägt uns ein strenger Geruch entgegen. Als wir auf die Holzplankenwege abbiegen, die die einzelnen Häuser miteinander verbinden, wird der Geruch schlimmer. Überall liegen Exkremente von Tieren herum und so riecht es auch. Wenig später sehen wir auch, um welche Tiere es sich handelt. Katzen! Und zwar eine ganze Menge. Da wird uns einiges klar. Natürlich, auf dem Wasser lebende Katzen haben keine Wiesen und keinen Sand, in dem sie buddeln könnten. Sie haben nur die Holzplanken, auf denen das ganze Dorf lebt. Deswegen stinkt es hier an einigen Ecken erbärmlich.

Der Blick in den unter uns liegenden Fluss ist auch nicht besser. Überall schwimmen Müll und Unrat. Auch die Häuser sind in keinem besseren Zustand. Waren die Häuser direkt neben dem Pier weitestgehend in Ordnung, werden sie immer maroder und abbruchreifer je weiter wir kommen. Teilweise passieren wir ganz zerfallene Hütten. Keine Menschenseele lässt sich blicken, nur die Katzen liegen entspannt im Schatten und ruhen sich aus. Wir laufen über morsch aussehende Holzwege und unser einziger Gedanke ist, was wohl passiert, wenn einem irgendetwas aus der Tasche oder Hand fällt. Eine Kamera zum Beispiel. Oder das Portemonnaie. Oder, wenn einer von uns stolpert und in das braune Wasser fallen würde. Keine angenehme Vorstellung. Die Gegenstände wären auf nimmer Wiedersehen verloren und wir selbst vermutlich auch. So vermüllt wie das Wasser ist, kann es jedenfalls nicht gesund sein.

 

Wir fühlen uns wie an einem Lost Place

Wir gehen weiter, irgendwie fühlen wir uns wie an einem Lost Place, einem Ort, der von der Zivilisation aufgegeben und vergessen wurde. Spannend und dystopisch. Wir machen einige Fotos, halten immer wieder an und lassen die Umgebung auf uns wirken. Überall stehen Blumenkästen mit Blumen im krassen Gegensatz zum Verfall um uns herum. Durch die Blumen wirkt alles noch wilder, aber auch irgendwie urig. Je weiter wir laufen, desto normaler werden die Häuser. Der Zustand bessert sich und die Gebäude werden farbiger.

Wir sehen zwei Menschen als wir eine Brücke passieren. Unter uns fahren Boote vorbei, wir sind an einer kleinen Bootsstraße gelandet, die als Hauptverkehrsader durchs Dorf dient. Alle paar Minuten rauschen kleine Boote vorbei. Ansonsten ist noch immer alles verlassen. Erst als wir uns nach geraumer Zeit der Moschee des Wasserdorfes nähern, tauchen die ersten Menschen auf. Und Affen. Wir haben mittlerweile das Festland erreicht, ohne es zu merken. Hier neben der Moschee am Wasser hangeln sich die Affen an Dächern entlang, klettern über Zäune und laufen durch Gärten. Ein Highlight für uns, lieben wir es doch so sehr, Affen zuzuschauen.

 

Die Fahrt zurück macht riesig Spaß

Viel mehr Spannendes gibt es nicht zu sehen. Und so beschließen wir nach kurzer Zeit, von hier aus ein Boot zurückzunehmen. Wir finden einen alten Bootsfahrer, der uns gerne mitnimmt und so fahren wir zwischen den Stelzenhäusern mit hohem Tempo hindurch. Die Häuser und Stege rauschen an uns vorbei. Es ist richtig was los hier auf dem Wasser. Unser Fahrer gibt ordentlich Gas und die Fahrt macht riesig Spaß. Die Sonne scheint uns ins Gesicht und der Fahrtwind zerzaust uns die Haare. Wir haben doch eine relativ weite Strecke über die Stege zurückgelegt, sodass unsere Fahrt nun kurz dauert.

Wir brausen zwischen den letzten Häusern hindurch und sehen schon den weiten Fluss vor uns auftauchen mit der moderneren Innenstadt auf der anderen Flussseite. Unser Fahrer fährt behutsam in einen kleinen Anleger ein, in dem schon seine Freunde mit ihren Booten liegen. Wir verabschieden uns, geben dem freundlichen Fahrer sein Geld und steigen die Stufen nach oben zur Straße hoch. Was für ein Tag. Was für Eindrücke. Mit allem hätten wir gerechnet, aber nicht damit, dass wir an solch einem verlassenen und dennoch sehenswerten Ort landen. Der auf der einen Seite ausgestorben scheint und auf der anderen Seite das traditionelle Leben der Bevölkerung Bruneis widerspiegelt. In Gedanken versunken drehen wir uns um und gehen dem Stadtzentrum entgegen.

 

Warst du schon einmal in einem Wasserdorf? Welche Erfahrungen hast du gemacht, wenn es um das traditionelle Leben in einem Land geht? Schreibe es in die Kommentare, um auch andere Leser daran teilhaben zu lassen!

 

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Farina

Frühaufsteherin, Sonnenanbeterin und Weltenbummlerin. Ich fühle mich in der Natur zu Hause, liebe die Tiere und das Meer. Hier findest du mich mit einem Buch in der Hand, mit einer Kokosnuss oder gleich mit beidem. Zu meinen Leidenschaften gehören, das Reisen, gesundes Essen und fremde Orte. Ich liebe die Abwechslung, das Unterwegssein und die Veränderung. Hiervon findest du einiges auf unserem Blog.

6 Comments

  1. Antworten

    Neicoolio

    16. September 2018

    Dein Beitrag habe ich förmlich verschlungen! Super interessant für mich. In einer Doku habe ich sowas ähnliches gesehen. Der Geruch muss furchtbar gewesen sein!
    Lg
    Neicoolio

    • Steffen

      7. Oktober 2018

      Hallo Neicoolio,
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Der Geruch war zum Teil streng, aber auch nur an manchen Stellen.
      Liebe Grüße, Steffen

  2. Antworten

    EARLYHAVER

    28. September 2018

    Wirklich sehr beeindruckender Bericht und eindringliche Bilder. Wirklich toll. Danke! LG!

    • Steffen

      7. Oktober 2018

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Das Wasserdorf war auch wirklich spannend.
      Liebe Grüße, Steffen

  3. Antworten

    Bettina Halbach

    8. Oktober 2018

    Auf Brunei und im Wasserdorf war ich noch nie, komme nur selten dazu in Urlaub zu fahren. Darum habe ich es genossen deinen Bericht zu lesen. Als ich die Katzen und den Affen auf deinen Fotos sah, musste ich schmunzeln. Süße Faulenzer… Liebe Grüße Bettina

    • Steffen

      8. Oktober 2018

      Hallo Bettina,
      In Asien gibt es viele dieser Wasserdörfer. Dieses in Brunei war eines der schöneren. Wir fotografieren Tiere immer sehr gerne, egal wo wir gerade sind.
      Liebe Grüße Steffen

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